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"Kleine Schritte gelingender Integration“


Flüchtlingskinder sind in der Kleiderkammer unentbehrliche Dolmetscher.

Schwäbische Zeitung vom 19.01.2017

Jeden Dienstag und Mittwoch von 15 bis 17 Uhr ist in der Kleiderkammer auf dem Siloahgelände richtig was los. In den sieben Räumen der Waschküche des ehemaligen Kinderdorfes ist an den beiden Ausgabetagen Hochbetrieb. Gut 20 Asylbewerber und Flüchtlinge, von insgesamt circa 400 aus den Familienhäusern in Siloah und aus dem Stephanuswerk, decken sich jedesmal für Kind und Kegel mit Winterklamotten ein.

Es gibt einen Raum mit Babyartikeln, je einen für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Männer und Frauen getrennt, und einen Raum mit befüllten Schuhregalen. Alles ist sortiert und geordnet. Sogar eine Art Umkleidekabine steht zur Verfügung. Im Eingangsbereich stehen außerdem einige Regale mit Küchenutensilien und für Spielsachen. Am Ausgabetisch hängen Preislisten in deutscher, englischer und arabischer Sprache. Die Preise bewegen sich zwischen 50 Cent und 5 Euro.

Eine Helferin pro Raum

Michael Strätz versucht, dort den Überblick zu behalten. Und Jürgen Bühler ist überall. Er wird von den Kindern mit Opa angesprochen, von den Erwachsenen mit Papa. Er meint: „Was nichts kostet ist nichts wert. Auch der Umgang mit Geld muss gelernt werden, und wir zwingen die Leute auch dazu, sich zu überlegen: brauch’ ich’s oder brauch’ ich’s nicht.“

Sein Team versuche, jeden Raum mit einer Helferin zu besetzten, die sich abwechseln, konkret sind dies Marie Luise Zorn, Marliese Leyh, Inge Weinmann, Gudrun Epp, Dagmar Frick. Auch einige Flüchtlinge arbeiten verbindlich und zuverlässig mit: Shauki, Ola und Mohamed aus Syrien und Bahari, eine Frau aus Afghanistan.

Auf ihrer Einkleidungstour bringen die Eltern freilich auch Kinder mit, die sich besonders in der Nähe der Spielsachen aufhalten. Wenn sich dort zehn Kinder treffen, hätten sie es mit sicherlich acht verschiedenen Muttersprachen zu tun, sind die Mitarbeiterinnen überzeugt. Also unterhalten sich die Kinder auf Deutsch, das sie dank Kindergarten und Schule schon ganz ordentlich beherrschen. Und weil die allermeisten Eltern noch kaum Deutsch sprechen, seien die Kinder als Dolmetscher für alle Mitarbeitenden der Kleiderkammer unentbehrlich, erklärt Jürgen Bühler.

Die Kinder mache das mächtig stolz und wichtig, sodass sich alle auf einmal als Dolmetscher vordrängen. Und alle wollten gerne für diese Funktion auch ein gedrucktes Namensschild angeheftet bekommen – ganz so wie alle Mitarbeitenden. Man habe sich jetzt mit den Kindern geeinigt, dass an jedem Tag nur vier „Dolmetscher“ dran sind. Deren Namen werden an jedem Ausgabetag an der Eingangstür ausgehängt. Heute sind Sehend, Abdulah und Mariam, Kinder aus dem Irak und Syrien, an der Reihe. Sie holen sich ihr Namensschild aus der Schublade und legen es nach „Feierabend“ auch wieder dorthin zurück. „Stück für Stück lernen die Kinder auch ein bisschen Ordnung“, sagt Jürgen Bühler.

Kinder präsentieren Modenschau

Wenn gegen Ende der Ausgabezeit niemand mehr im Laden ist, erfreuen die Kinder die ehrenamtlichen Helfer manchmal noch mit einer Modenschau. Sie verkleiden sich zum Beispiel in vornehme Damen mit Stöckelschuhen und präsentieren sich wie auf dem Laufsteg. Anschließend wird alles wieder schön zusammen- und geordnet in die Regale zurückgelegt.

Wenn ein Puppenwagen oder eine Puppe als Spende abgegeben wird, gebe es unter den Mädchen schon auch mal Streit, ist zu vernehmen. Bei den Buben könne das wegen eines Fußballs vorkommen.

Man einige sich dann mit den Kindern dahingehend, dass eine Reihenfolge beziehungsweise Warteliste aushandelt wird. Oder das Los entscheidet. Mit den Kindern zu „arbeiten“ mache richtig Spaß, unterstreichen alle Mitarbeitenden der Kleiderkammer. Und Jürgen Bühler und Michael Strätz ergänzen: „Manchmal ist es auch ganz schön stressig. Was aber viel wichtiger ist: Wir spüren kleine Schritte gelingender Integration – alle Mitarbeitenden in der Kleiderkammer leisten dazu einen Beitrag.“

Die Kleiderkammer im Siloah ist für Spendenannahmen geöffnet am Montag, Dienstag und Mittwoch von jeweils 14 bis 17 Uhr. Ausgabezeiten sind am Dienstag und Mittwoch zwischen 15 und 17 Uhr.

19.01.2017